Migranten und Identität: Wer/Was/Woher bist du? Muss man sich entscheiden?

02. Sep 2018 in 09:53

Wer kennt dieses Fragen nicht, wenn nicht aus eigener Erfahrung oder seiner Familie, dann wohl aus der näheren Umgebung wie z.B. dem Freundeskreis. Die Frage nach der Herkunft, Zugehörigkeit, Identität rückt immer mehr und mehr in den Fokus öffentlicher Aufmerksamkeit. Themen wie Integration und Migration sind schon seit langem keine rein wissenschaftlichen Fragestellungen mehr, sondern rückten in den letzten Jahren langsam aber sicher in den Fokus von Politik und Medien und nehmen somit einen großen Platz im öffentlichen Leben ein.

Oftmals hört man von „echten“ Österreichern Dinge wie: „Die Ausländer wollen sich gar nicht integrieren“, „Sie möchten ihre Kultur ausüben, aber die österreichische nicht akzeptieren“, „Sie sprechen in ihrer Muttersprache, aber können kein bzw. nur schlecht Deutsch“ und dergleichen.
Die Gegenseite ist allerdings auch nicht viel besser: „Die Österreicher wollen uns nicht verstehen.“, „Wir fühlen uns in der Ausübung unserer Kultur, Religion und Tradition eingeschränkt“, „Unsere Deutschkenntnisse werden immer kritisiert, und die Mehrsprachigkeit unter den Teppich gekehrt“ und ähnliches.

Jetzt stellt sich die Frage, wer hat Schuld? Hat überhaupt jemand Schuld? Wo liegen die Gründe für solche Reaktionen und wie können diese Diskrepanzen beiseitegelegt werden? Um dies zu beantworten sollten wir uns vielleicht etwas näher mit dem Begriff Identität beschäftigen:

 

Was ist eigentlich Identität?

Der Begriff der Identität ist nicht gänzlich eindeutig zu definieren, was jedoch so gut wie alle Theorien gemeinsam haben ist die Unterscheidung in kollektive und individuelle Identität.

Die Definition von kollektiven Identitäten hat sich in den letzten Jahren sehr stark gewandelt, während im 18. und 19. Jahrhundert Merkmale wie das Territorium, die Sprache, die Religion und der „Volksgeist“ als ausschlaggebend für gemeinschaftliche Identitäten galten, definiert man sie heutzutage vielmehr als kulturelle Vorstellung und Konstrukt, welches mittels Symbolen und Werten, Menschen die Möglichkeit gibt sich einer Gruppe zugehörig zu fühlen und dies auch nach außen hin erkennbar werden lassen. Bei der Identität von Volksgruppen (ethnischen Identität) kommen noch Faktoren wie gemeinsame Geschichte und Tradition hinzu.

Die individuelle Identität setzt sich aus zwei Teilen zusammen, der persönlichen und der sozialen Identität. Die persönliche bezeichnet die subjektive, selbstständige Sicht seines Selbst, während die soziale Identität vielmehr die Zuschreibung von Merkmalen und Eigenschaften durch die soziale Umwelt bezeichnet. Die individuelle Identität ist ein ständiges Wechselspiel zwischen der persönlichen und sozialen Identität und somit nicht festgeschrieben.

Diese sehr theoretischen Definitionen jedoch können noch nicht unser obengenanntes „Problem“ der Wichtigkeit der Identität und Zugehörigkeit erläutern, sind jedoch Hilfmittel um diese zu analysieren. Diese obengenannten Fragen oder besser gesagt Differenzen entstehen erst bei Kontakt verschiedener ethnischer Gruppen mit unterschiedlichen Identitäten, in unserem Beispiel die der Österreich mit der, der SerbInnen, BosnierInnen, BosniakeInnen, MakedonierInnen, KroatInnen,…

 

Multikulturelles Österreich

Österreich ist ein Land mit langer multikultureller Geschichte, das Kaiserreich Österreich-Ungarn ist wohl das eindrucksvollste Beispiel für einen Vielvölkerstaat.

Die verschieden kollektiven (ethnischen) Identitäten im Land Österreich kann man sehr vereinfacht in die österreichische Identität, welche die Menschen österreichischen Ursprungs umfasst, und die zahlreichen kollektiven Identitäten der verschiedenen Volksgruppen, welche in Österreich beheimatet sind, untergliedern. Diese verschiedenen Ethnien können entweder anerkannte Minderheiten wie z.B. die Kärtner-Slowenen bzw. die Burgenlandkroaten sein, aber auch Migrantengruppen wie die serbische/bosnische/kroatische.

 

Warum jedoch ist die Herkunft immer noch von so großer Wichtigkeit?

Dies liegt vor allem an den zahlreichen sowohl mediale als auch politische Debatte rund um die verschiedensten Völker Österreichs, welche so hitzig sind wie noch nie.

40% der Einwohner Wiens haben ihre Wurzeln im Ausland, die größte Migrantengruppe ist die der Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien, welche oftmals in bereits zweiter, dritter oder gar vierter Generation in der Hauptstadt leben. Viele Mitglieder dieser Volksgruppen sind bereits hier geboren und besitzen die österreichische Staatsbürgerschaft. Dies macht sie zu sogenannten Österreichern mit Migrationshintergrund. Sind sie jetzt keine SerbInnen, BosnierInnen oder KroatInnen mehr, müssen sie sich jetzt von ihrer Herkunft emotional trennen um „echte“ Österreicher zu sein? Die einfache Antwort lautet nein!

Aus rein wissenschaftlicher Sicht, spricht nichts gegen hybride bzw. multiple Identitäten, denn Identität ist niemals statisch und immer wandelbar. Das Problem liegt vielmehr in der „Scheuklappen-Sicht“ der Bevölkerung, denn sowohl die Österreicher als auch die Migranten haben oftmals die falsche Vorstellung, dass man als Individuum nur über eine Identität verfügen kann. Die subjektive Sicht seines Selbst ist weniger das Problem, denn niemand kann einem verbieten sich zu einer oder mehreren Gruppe zugehörig zu fühlen. Vielmehr ist es die Fremdzuschreibung der entweder eigenen ethnischen Gruppen bzw. der Anderen die es eine Individuum erschwert bzw. unmöglich macht, mehrere Identitäten in sich zu vereinen.

Die Lösung scheint einfach, bedarf aber in der Realität großer Aufklärungsarbeit, denn die Offenheit gegenüber anderen ethnischen Gruppen bzw. Identitäten ist als Basis zu betrachten.
Offenheit und interethnische Aktivitäten bzw. Kommunikation bedeutet, im Gegensatz zu den vorherrschenden Meinungen nicht, dass man seine Kultur, Sprache und Tradition nicht Pflegen kann oder diese womöglich verliert, sondern vielmehr eine Verbreitung des Weltbildes und mehr Einblick in andere Kollektive und somit auch eine besseres Zusammenleben.

Das Gefühl zwischen zwei Welten zu leben ist nicht notwendigerweise ein Problem, vielmehr stellt es die großartige Chance dar, Teil zweier kollektiven Identitäten seinen zu können und zu dürfen. Denn was gibt es schöneres als zwei Länder seine Heimat nennen zu dürfen, oder sowohl die eigene ethnische Gruppe als auch die Bevölkerung der Wahlheimat als Teil seiner eigenen Gruppe zu erleben.

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