Gendering in Österreich: Heimat bist du großer Söhne, ohne Töchter oder auch umgekehrt?

12. Jul 2014 in 01:50

In Österreich ist die Diskussion um die Bundeshymne und deren Text abermals entfacht. Anlass für die heftigen Reaktionen in den Medien, der Politik aber auch unter den Bürgern und Bürgerinnen ist die Version der Hymne von Andreas Gabalier. Ob nun absichtlich oder nicht, er sang die Hymne in der alten Version und „schockierte“ damit die österreichische Öffentlichkeit. Sein Auftritt rief ausladende Kritik, sowohl positiver als auch negativer Natur, hervor. Was ist nun die eigentliche Ursache dieser Debatte?

Der Auftritt des Folkrocksängers Andreas Gabalier bei der Formel 1 in Spielberg rief heftige Kritik hervor und belebte die Diskussion rund um die Bundeshymne von neuem. Grund für die Debatten ist die Tatsache, dass Gabalier „Heimat bist du großer Söhne“ ohne den Töchtern gesungen hat, welche seit 2012 gesetzlich, aufgrund der Gleichberechtigung in der Sprache („gendering“), im Text verankert sind.

Wie alles begann

Im Sommer 2011 wurde nach langjährigen Diskussionen die Änderungen am Text der österreichischen Bundeshymne offiziell beschlossen. Die ÖVP, SPÖ und Grünen entschieden sich einstimmig für die Änderungen der Textzeile „Heimat bist du großer Söhne“ zu „Heimat bist du großer Töchter, Söhne“. Rechtskräftig wurde die neue Version mit Jänner 2012 und somit neuer offizieller Text der österreichischen Bundeshymne. Auch wenn anfangs nur von der oben genannten Änderung die Rede war, wurde in weiterer Folge zudem ein Teil der dritten Strophe geändert: anstatt der „Bruderchöre“ schwören nun „Jubelchöre“ dem Vaterland Österreich die Treue. Anlässlich der Tatsache, dass diese Textveränderungen von der Volksvertretung und nicht via Volksbefragung beschlossen wurden, war bzw. ist die österreichische Bevölkerung bezüglich der neuen Hymne zwiegespalten. Gabalier hat nun mit seinem Auftritt diese Debatte abermals entfacht.

Linguistischer Hintergrund

Gleichberechtigung in der Sprache „gendering“ entstand aus der Femnistischen Linguistik, welche wiederum durch die Frauenforschung (Ursprung im englischen Sprachraum; 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts) entstanden ist. Das Ziel der Feministischen Linguistik ist es die Unterschiede im Sprachgebrauch bei Männern und Frauen zu erforschen. Diese Forschungsrichtung bezeichnet sich selbst als Teil einer politischen und gesellschaftlichen Bewegung, welche die Sprache mittel soziologischen und politischen Aspekten analysiert.

1987 wurde in Österreich erstmals der „Leitfaden für sprachliche Gleichberechtigung“ veröffentlicht, dieser ist heute Teil des Bundesgleichbehandlungsgesetzes. Seit damals ist die sprachliche Gleichberechtigung in so gut wie allen Texten des Bundes (Gesetze, Formulare, etc) durchgeführt.

Der Anspruch auf die Sichtbarkeit der Frauen in der Sprache ist wohl das Hauptziel dieses linguistischen Bestrebens, welches Sprache als Spiegel der Gesellschaft versteht. Ihrer Ansichten nach stellt die Verwendung des generischen Maskulinums eine Diskriminierung der Frauen dar.

Logischerweise fand dieser neue sprachwissenschaftliche Ansatz nicht nur Anhänger, viele Gegner veröffentlichten strenge Kritiken, unter anderem wegen dem sogenannten „splitting“. Dieser Begriff bedeutet, dass sowohl die feminine als maskuline Form eines Begriffes getrennt verwendet werden.
Diese Art der Verlängerung des Satzes kann laut Kritikern dazu führen, dass die Botschaft und der Sinn verfälscht werden oder der Satz gar ungrammatikalisch wird.

Beispiel: Liebe Österreicherinnen und Österreicher, Liebe ÖsterreicherInnen, Liebe Österreicher/Innen

Zudem kritisieren einige Sprachwissenschaftler, dass mit der Trennung der femininen und maskulinen grammatikalischen Formen zu Unverständlichkeit führen kann. Zum Beispiel „Liebe SchülerInnen“ – sollten sie dies aussprechen, könnte es passieren, dass sich Schüler nicht angesprochen fühlen oder verwirrt sind, da es sehr nach Schülerinnen klingt. Für dieses Problem wurde ein spezielles Handzeichen ausgedacht, welches jedoch in der Praxis nur wenig Verwendung findet.

Somit kann es passieren das nur die Schülerinnen die Hausübung machen, Schüler jedoch nicht. Die einzige Möglichkeit es laut dem „gendering“ richtig zu machen, wäre es beide Formen nebeneinander zu verwenden. „Liebe Schülerinnen und Schüler“

Aufgrund dieser vielen Ungereimtheiten meinen einige Forscher, dass mit der Hervorhebung des Aspektes „Geschlecht als soziale Norm“ erst die wirklich greifbaren Unterschiede zwischen Mann und Frau erschaffen werden.

Das größte Problem an der allgemeinen Durchführung der Gleichberechtigung in der Sprache ist wohl die Tatsache dass in der deutschen Sprachtradition das Maskulinum als neutraler, beide biologischen Geschlechter umfassender, Begriff verstanden wird. Dies ist am Beispiel „Arzt“ zu sehen, dieses Wort trägt primär die Bedeutung „Arzt“ als Berufsbezeichnung. Ob diese Person nun männlich oder weiblich ist, gewinnt erst unter anderen Umständen an Wichtigkeit. Beispiel: „Er war beim Arzt, um schnell gesund zu werden“, „Er war bei der Ärztin, um schnell gesund zu werden“.

Prinzipiell ist es egal, welche Form des Wortes Arzt verwendet wird, da die Grundbotschaft des Satzes ist, dass eine Person schnell gesund werden möchte und deswegen einen Spezialisten aufsucht. Natürlich bleibt es jedem frei, das Geschlecht des Arztes genau zu definieren, allerdings sollte man beachten, dass in der sprachliche Tradition das generische Maskulinum für beide biologischen Geschlechter verwendet wird.

Der Autor der Hymne war eine Autorin

Die Debatte um die österreichische Bundeshymne betreffend, ist es wichtig anzumerken, dass der Autor des Textes eine Autorin war, genauer Paula Preradović. Ihr „Land der Berge, Land am Strome“ gewann die Ausschreibung seitens der österreichischen Regierung im Jahr 1947. Paula Preradović wurde am 12. Oktober 1887 in Wien geboren und ist die Enkelin des berühmten Dichters Petar Preradović.

Die Tatsache, das die Hymne von einer Frau verfasst wurde zeigt, dass deutschsprachige Menschen das männliche grammatikalische Geschlecht mit einer gleichwertigen Bedeutung für Frauen und Männer verwenden. Natürlich kann man darüber diskutieren, ob zur Lebzeit von der Autorin der Hymne schon jemand über die sprachliche Gleichberechtigung nachgedacht hat.

Ganz klar ist es jedoch, dass damals die Gleichberechtigung in allen Lebensbereichen noch nicht in dem Ausmaß bestrebt wurde, wie dies heute der Fall ist.

Theorie ist das Eine, Praxis das Andere

Österreich ist die Heimat großer Töchter und Söhne, darüber braucht man nicht streiten, allerdings drängt sich hier ein Vergleich mit der serbischen Sprache auf: Vielen ist sicherlich bekannt, dass Eltern ihre Kinder auf serbisch mit „mein Sohn“ ansprechen, unabhängig ob es wirklich ein Sohn ist, oder vielleicht doch eine Tochter. Daraus lässt sich schließen, dass „Sohn“ als Synonym für Nachfahre und Kind verstanden, ohne Berücksichtigung des Geschlechtes, verstanden wird. Jedoch daran stört sich kaum einer.

Andererseits sind „Bruderchöre“ im deutschen Sprachgebrauch oftmals ein Synonym für Kirchenchöre, was bedeutet, dass die neue Version der Bundeshymne mit den „Jubelchören“ nicht mehr die gleiche Bedeutung hat. Ebenso interessant ist es, dass das Wort „Vaterland“ unverändert blieb, obwohl es auf den ersten Blick ersichtlich ist, dass es etymologisch vom Wort „Vater“ stammt. (Mutterland?)

Wenn man sich für Gleichberechtigung in der Sprache einsetzt, dann stellt sich die Frage warum das „Vaterland“ in der neuen österreichischen Hymne nicht das „Land der Mütter und Väter“, das „Mutter-Vater-Land“ oder „Elternland“ ist. Dieses Beispiel zeigt, dass das Empfinden von Diskriminierung oder Gleichberechtigung der Sprache sehr stark vom Blickwinkel und Zugang abhängt.

Natürlich ist es nicht abzustreiten, dass eine Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau mehr als wünschenswert und auf alle Fälle erstrebenswert ist. Jedoch bestehen in der Sprachverwendung bestimmte Traditionen, welche über Jahrhunderte entstanden sind und von Generation zu Generation weitergegeben wurden.

Diese Sprachtraditionen sind für die Sprecher alltäglich, selbstverständlich und sehr stark verwurzelt, weshalb Änderungen bezüglich der gleichberechtigten Verwendung von Sprache nicht von heute auf morgen passieren können. Es ist vielleicht schon fast sehr streng zu sagen, dass die Verwendung des „allgemeingültigen“ Maskulinums immer diskriminierend für Frauen ist. Es gibt in anderen Bereichen des Lebens viel extremere Beispiele von Sexismus, welche jedoch weniger Aufsehen als die Bundeshymne erregen.

Was geschehen ist, ist geschehen: der Text der Bundeshymne wurde verändert, alle die weiterhin Menschen aufgrund ihres Geschlechtes diskriminieren möchten, werden das auch tun, ohne Rücksicht auf den sprachlich gleichberechtigten Text der Bundeshymne.

 

EINE WEITERE UNGERECHTIGKEIT?

Im Text der Hymne werden mit keinem Wort die sogenannten neuen ÖsterreicherInnen erwähnt, welche großen Teil zum Aufbau des Landes beigetragen haben und eine Vertreterin schrieb sogar den Text der Bundeshymne. Wir sind so frei und schlagen eine weitere Textänderung vor, um die Hymne politisch korrekt und gleichberechtigt zu gestalten:

„Heimat bist du großer Töchter, Söhne, fremder und heimischer Herkunft!!!“

Alle im Text angeführten Beispiele, hätte man vielleicht noch etwas genauer analysieren sollen, bevor man ein österreichisches Kulturgut, die Bundeshymne, welche allen ÖsterreicherInnen gleich gehört, verändert. Abermals möchten wir betonen, dass die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern auf jeden Fall ziel einer modernen Gesellschaft sein muss, allerdings stellt sich hierbei die Frage ob der Anfangspunkt dieser wirklich in der Sprache, genauer der Bundeshymne, liegt.

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